Der kölnerische Journalist Michael Kohtes arbeitet nebenbei für die ZEIT und befasst sich nicht zum allerersten Mal mit menschlichen Eigenheiten. Letztes Jahr erschien sein Werk “Glücksspieler und Spielerglück”, in dem er ebenso unterhaltsam wie hintergründig informiert über die kulturelle Geschichte des Glücksspiels schreibt.
In seinem Buch beschreibt er Glücksspielorte, die von verrauchten Hinterzimmern und eleganten Casinospielsälen reichen. Er ist der geschichtlichen Entwicklung der einzelnen Spiele und ihrer frühen Formen auf der Spur, die bis in die Antike reichen. Er beschreibt die Verarbeitung in Literatur und Kultur durch russische Autoren wie Dostojewski und Puschkin. Kohtes erstellt eine Typologie des Spielers. Diese geht über den Gelegenheitsspieler und den Fanatiker, der erst bei seinem Ruin in die Realität zurückgeholt wird und wo kein ultimativer Gewinn auf ihn wartet.
Laut Kohtes gehe es beim Spielen nicht um Leben und Tod, da stecke viel mehr dahinter. Er hat bei der Beschreibung des „mehr“ wahrscheinlich Millionen von Lottospielern und Gelegenheitsspielern hinter sich. Er schreibt, es gehe um das Heiligste, was die Menschen kennen würden und dass sei das das geliebte Geld. Doch sei ist sich der Tatsache bewusst, dass nicht nur das das Wesentliche sei. Der Drang zu spielen gehöre zum menschlichen Naturell und sei jedem angeboren. Die Differenz liege lediglich darin, dass jeder seine Spielleidenschaft auf seine eigene Art und Weise fröne.
Gewinnstreben, Konkurrenzdenken, Suche nach dem Nervenkitzel und der Mut zum Risiko. Er lehnt die Verbindung von Glücksspielern und Wall-Street-Bankern, die unbekümmert ganze Generationen an der Börse verspielen, vehement ab. Ein richtiger Glücksspieler ruiniere nur sich selbst, sagt Kohtes, der seinem Hobby am liebsten in traditionellen Casinos nachkommt. Er würde nie Geld, das ihm nicht gehöre, verzocken, so wie der Börsianer. Ein richtiger Spieler gebe alles für eine Poker- oder Black-Jack-Partie, doch er sei sehr zufrieden, denn das Spiel gegen das Schicksal könne ein menschliches Herz erfreuen. Doch diese Leidenschaft steht auch für die Absurdität allen Seins, denn wer im Spiel den Zufall zu überlisten versucht, steht am Ende als Verlierer da.
Der Schriftsteller beschreibt den Charakter des Spielers mit viel Sensibilität und betrachtet ihn als Rebell gegen die dominierenden Autoritäten und die Fesseln des wirtschaftlich ausgerichteten Bürgertums und das Vernunftprinzip. An dieser Stelle zeigt Kohtes deutlich die Unterscheidungen zwischen Börsianer, der mit dem Glücksspieler gleichgestellt wird, auf. Dem einen ist die Maximierung seines Gewinns wichtig, dem anderen hingegen um Leidenschaft. Apologeten von unkontrollierten Märkten nur ein kaltes Gewinnkalkül vorweisen, will sich der begeisterte Spieler gegen jede Logik immer wieder mit dem Zufall messen.
Der traditionelle Spieler hat zwei lebenswichtige Prioritäten: Spielen und Gewinnen und Spielen und Verlieren. Während sich die Welt der Finanzen mit ihrer eiskalten Berechnung ins eigene Fleisch geschnitten hat, hält sie an der Rechtmäßigkeit ihrer rücksichtslosen Vorgehensweise fest. Der Spieler hingegen steht schon vorher zur Absurdität, die er zu seinem Lebensmotto macht und der Frage nach dem Sinn und Zweck hartnäckig aus dem Weg geht.
Mit seltener Feinsinnigkeit, Konsequenz und Verständnis beschreibt der Autor die Seele von Spiel und Spiel. Die blumenreiche und dem unterhaltsamen Duktus von Kohtes lassen das Buch zu einem kurzweiligen Leseereignis werden. Sollte man auf jeden Fall gelesen haben.
