Neue Technik des online Pokers?

Ich muss wirklich zugeben, dass ich mich seit jeher an den realen Pokertischen wohler gefühlt habe, als an ihrem virtuellen Pendant. Zwar habe ich schon jede Menge Karten in den Rooms verschiedener Portale aufgenommen, aber wenn ich die Wahl habe, sitze ich doch lieber an einem Tisch und spüre das Gewicht jeden einzelnen Chips, den ich in den Pot werfe. Das ist natürlich nur eine persönliche Vorliebe, aber was ich mir neulich hab erzählen lassen, hat diese Präferenz noch bekräftigt.

Bei einer Runde Hold’em mit Bekannten kam ich mit einem jungen Mann ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er in der Runde neu war. Er wolle hier nur mal „checken, was das Ding mit diesem Stammtischpoker“ sei. Die letzten Wochen habe er viel Online-Poker gespielt, habe schon einige Freerolls-Turniere „gerockt“ und wolle jetzt ans Geld gehen. Ich war überrascht von seinem ambitionierten Auftreten und auf mein Nachfragen erfuhr ich, dass er sehr neu in der Pokerszene ist und sich vorher im E-Sport herumgetrieben habe.

Dort hat er Strategiespiele auf dem Computer in einem semi-professionellen Rahmen gespielt und mit virtuellen Legionen große Schlachten ausgetragen. Der Übergang zum Online-Poker sei ihm dann leicht gefallen, erklärte er, denn durch die Computerspiele sei er es gewohnt sich ständig um mehrere Dinge gleichzeitig zu kümmern. Was mich dann wirklich beeindruckte, war seine Angabe, dass er regelmäßig an 8 bis 12 Spieltischen gleichzeitig spielen würde.

Schon oft habe ich gehört, dass es beim Online-Poker inzwischen die Regel ist, an mehreren Tischen gleichzeitig zu spielen, um möglichst effektiv zu sein. Aber 8 bis 12 gleichzeitig? Ich fragte, ob man denn dann überhaupt noch ein Gefühl für die jeweilige Runde und seine Gegner aufbauen könne, aber er winkte ab: diverse Programme geben ihm an jedem Tisch die Wahrscheinlichkeit seines Blattes, die Spieltendenz der Gegner und deren gefoldeten Hände an. Er spiele dann rein nach Statistiken und es ginge nur noch darum, so schnell wie möglich Tabellen zu durchblicken und Entscheidungen zu fällen.

So spielt also ein E-Sportler im Internet Poker. Darüber musste ich nachdenken. Was bleibt denn da noch übrig von der strategischen Finesse des Spiels? Die Geschicklichkeit beschränkt sich dann doch nur noch darauf, möglichst viele Tische gleichzeitig zu kontrollieren. Das brachte mich ziemlich ins grübeln, aber mit etwas Genugtuung konnte ich mir dann ansehen, wie mein Gesprächspartner ausschied: Mit einem All-In versuchte er einen Bluff zu retten, aber die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Sein Kontrahent callte sofort. Zumindest an den echten Spieltischen kann man wohl Spielgefühl nicht mit Technik ersetzen.

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